Pluralismus gefährdet Demokratie?

Kommentar von Frank Guthausen

Heute wird in NRW gewählt. Dadurch wird unsere codifizierte Demokratie mit Leben erfüllt. Falls man das so interpretieren will. Vorgesehen ist diese Form der Bürgerbeteiligung nur alle fünf Jahre, und in der Zeit dazwischen sind die Beteiligungsmöglichkeiten eher bescheiden. Aus dem Wahlergebnis ergibt sich ein Parlament, welches in dieser Zusammensetzung für fünf Jahre stabil bleiben soll. Das funktioniert nicht immer, denn dann würde die Wahl erst in drei Jahren stattfinden, aber im Regelfall klappt das dann doch schon. Damit nicht jede Detailmeinung zum Rauschen beiträgt, gibt es in unserer parlamentarischen Demokratie zwei Vorfilter: zum Einen werden Kandidaten von Parteien aufgestellt (parteilose Direktkandidaten sind eine Ausnahme), zum Anderen haben wir eine Mindestquote, die zu erfüllen ist. Letztere nennt sich 5%-Hürde. Diese Vorfilter dienen dazu, das Verhältniswahlrecht praktikabel zu gestalten. Das Verhältniswahlrecht wiederum ist der Idee geschuldet, auch Minderheiten eine Stimme im Parlament zu geben. Meinungsfreiheit alleine reicht nämlich nicht, um einen Pluralismus mit Leben zu erfüllen. Im Gegensatz zum Mehrheitswahlrecht wird der Volkswille durch die Sitzverteilung realistischer abgebildet. In Schleswig-Holstein geht man noch weiter und setzt die 5%-Hürde für die dänische Minderheit aus.

Im Zeitalter des Internet lassen sich aber auch Detailmeinungen viel granulierter kommunizieren und organisieren. Daher stellt sich die Frage, ob die 5%-Hürde noch angemessen ist und ob diese nicht zu hoch ist. Mehr Demokratie wagen hieß es bereits am 28. Oktober 1969 bei Willy Brandt in der Regierungserklärung:

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß durch Anhörungen im Bundestag, durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.

Nach mehreren Jahrzehnten droht diese Vision nun Wirklichkeit zu werden, und konservative Kreise waren schon damals nur eingeschränkt begeistert von dieser Vorstellung. Just zur Wahl in NRW hat sich nun Altbundespräsident Roman Herzog zu Wort gemeldet und fordert, die 5%-Hürde nach oben zu setzen, weil die parlamentarische Demokratie durch kleinere Parteien gefährdet sei.

Das muss man einfach erst sacken lassen, bevor man es glauben kann. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Altbundespräsident will tatsächlich einen erheblichen Teil der Bevölkerung, der durch eben diese kleineren Parteien im Parlament respäsentiert wird, von der politischen Partizipation ausschließen und interpretiert das als Stärkung der Demokratie. Um das zu glauben, müsste ich (mindestens) rezeptpflichtige Substanzen einnehmen.

Dieser Vorschlag ist schon isoliert für sich frei von jeglicher Logik und die angesprochene Maßnahme frei von jeglicher Legitimation. Im Kontext der Ereignisse wird sie aber besonders interessant und brisant. Der Einzug der Piratenpartei ins vierte Landesparlament steht bevor und damit wird die politische Landschaft weiter durcheinandergewürfelt. Und erst kürzlich ist der Versuch gescheitert, im Bundestag das Rederecht für Meinungsabweichler erheblich zu beschneiden. Zwar hat das System die Grünen über die Jahre derart assimiliert, dass sie regierungs- und kriegsfähig wurden, aber man glaubt offensichtlich (und vermutlich zu Recht), dass das bei den Piraten nicht nur nicht funktioniert, sondern dass darüber hinaus das Modell gesunder Menschenverstand und die Tätigkeit, selbst zu denken, in die eigenen Reihen ausstrahlt. Wenn der Bürger erst merkt, dass diese Form der Organisation funktioniert, wird es für das Establishment schwierig, die erreichten Positionen weiterhin zu verteidigen.

Es ist in den letzten Jahren offenkundig geworden, dass politische und ökonomische Maßnahmen immer weniger Rückhalt in der Bevölkerung finden und damit die Legitimation verloren gegangen ist. Mit dem Vorschlag von Roman Herzog soll nun der Anschein von Legitimation wieder aufgebaut werden. Dieser Versuch ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Denn alleine durch die Forderung selbst entzieht sie sich der demokratischen Grundlage, welche zu schützen sie vorgibt. Das mag bei einem sowohl ungebildeten als auch uninformierten Volk funktionieren, aber im Zeitalter des Internet hilft da auch die Zerstörung unseres Bildungswesens nicht mehr weiter.

Die Forderung von Roman Herzog ist das öffentliche Eingeständnis, dass die etablierte Politik völlig abgewirtschaftet hat und inzwischen auch nicht mehr nur den Anschein von Legitimation aufrecht erhalten kann. Es ist die Bankrotterklärung einer Kaste, die vom Strom der Zeit hinweggespült werden wird. Das Volk lässt sich nicht von einem neuen ZK oder Politbüro auf der Nase rumtanzen.

Also: verwählt euch nicht!

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Piratenbucht als Prüfstein der Freiheit

The Pirate Bay wird weiter zensiert

Nur wenige Tage nach dem politischen Erfolg bzgl. Netzneutralität dämpft eine rechtliche Entscheidung des Gerichts Rechtbank ‘s-Gravenhage die Euphorie und die Freiheitserwartungen. Mehrere Provider wurden verpflichtet, die schwedische Webseite The Pirate Bay zu blockieren. Erwirkt wurde der Beschluss durch die Rechteverwertungsgesellschaft BREIN (Bescherming Rechten Entertainment Industrie Nederland). Betroffen sind die Provider UPC, KPN, Tele2, T-Mobile Netherlands und Telfort, wobei die vier erstgenannten eine Marktabdeckung von 90% erreichen. Technisch umgesetzt werden muss die Sperre laut heise online für zwei IP-Adressen und 20 Domains. Im Januar waren es drei IP-Adressen und 24 Domains, und zusätzlich heißt es bei Netzpolitik:

Vielmehr darf die BREIN schriftlich oder per E-Mail weitere IPs und URLs von Mirror-Seiten an die Provider schicken. Diese müssen dann auch innerhalb von 10 Tagen unter Strafandrohung geblockt werden. Diese Sperren werden auch nicht mehr richterlich überprüft, die (private) Gesellschaft BREIN bestimmt im Alleingang, was geblockt wird.

Zum aktuellen Fall heißt es bei heise online weiter:

Das Gericht hat auch festgehalten, dass die Umgehung der Sperren über Proxy-Server und VPN unrechtmäßig ist

Die niederländischen Provider Ziggo und Xs4all wurden bereits im Januar zum Sperren gezwungen. Von der aktuellen Entscheidung ist auch eine politische Partei betroffen:

In den Rechtsstreit verwickelt ist auch die niederländische Piratenpartei. Diese darf nach eigenen Angaben laut einem Gerichtsbeschluss keine direkten Links zu Proxies anbieten, mit denen der Zugang zu The Pirate Bay ermöglicht wird. Der spezifische Proxy tpb.piratenpartij.nl müsse weiterhin zensiert werden, auch dürfe die Partei keine schriftlichen Anleitungen mehr verbreiten, wie die Sperren umgangen werden können.

In der Vergangenheit gab es in Europa bereits mehrere Blockaden gegen The Pirate Bay. Im Mobilfunkbereich blockierte British Telecom die Seite mit Freischaltoption aus Jugendschutzgründen, in Dänemark gab es bereits 2008 Gerichtsentscheidungen mit Sperrverpflichtung. In den Niederlanden wurde die Webseite selbst im Jahr 2009 verpflichtet, ihre Inhalte nicht in die Niederlande auszuliefern, in Schweden wurden die Betreiber im April 2009 der Beihilfe zur schweren Urheberrechtsverletzung für schuldig befunden. Im August 2009 gab eine Entscheidung gegen den schwedischen Provider, der die Seite hostet, die Leitungen zu kappen. Bereits im Oktober 2009 schrieb heise online: Angesichts solcher Entwicklungen warnen Branchenvertreter, dass hier elementare Rechtsgüter auf dem Altar des Urheberrechts geopfert werden sollen. Das wird besonders deutlich, wenn man sich die Eingriffstiefe in grundlegende Strukturen des Internet verdeutlicht:

Die in den Niederlanden operierende Copyright-Organisation Brein veranlasste dort ansässige Carrier, die Netzanbindung des Trackers zu kappen. Der Zugang zur Piratenbucht ist daher seit dem Wochenende immer wieder gestört, in den vergangenen Stunden war The Pirate Bay aus den meisten Netzen nicht erreichbar. Inzwischen wird der Traffic über den niederländischen Provider cb3rob geroutet. [...] Die von der Unterhaltungsindustrie getragene Brein forderte nach eigenen Angaben drei niederländische Unternehmen auf, keinen Traffic für The Pirate Bay mehr durch ihre Netze zu leiten.

Spätestens seit Einführung von HTTP/1.1 (aber auch auch ohne dieses Protokoll) sollte jedoch klar sein, dass unter einer IP-Adresse mehrere Domains, Dienste und Kunden erreichbar sein können. Der Kollateralschaden ist also vorprogrammiert. Dass derartige Sperren und Blockaden Nebenwirkungen haben, berichtete z.B. futurezone im Januar:

Unter den geblockten Seiten findet sich neben The Pirate Bay auch die Seite piraattilahti.fi, die Webseite des finnischen Ablegers der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation.

Das Ausmaß ist inzwischen sehr umfassend:

Die Niederlande sind bei weitem nicht das erste Land, in dem The Pirate Bay geblockt wurde – bereits in Belgien, Finnland, Großbritannien, Schweden, China, Italien und Malaysien haben einzelne Provider den Zugang zur Webseite geblockt, in Deutschland und Dänemark laufen derzeit noch mehrere Verfahren.

Und Microsoft zensiert inzwischen im Windows-Live-Messenger entsprechende Links, wie im März bekannt wurde.

Chronik:
2008-11-28 10:38 heise online Dänisches Gericht bestätigt Sperrungsverfügung gegen Torrent-Tracker
2009-04-17 12:15 heise online Haftstrafen für Pirate-Bay-Macher
2009-04-21 18:07 heise online British Telecom blockiert The Pirate Bay
2009-07-31 09:23 heise online Torrent-Tracker Pirate Bay soll in den Niederlanden stillgelegt werden
2009-07-31 Spiegel Online Pirate Bay muss die Niederlande aussperren
2009-08-24 19:10 heise online Schwedisches Gericht kappt die Leitungen zur Piratenbucht
2009-10-06 19:42 heise online Pirate Bay: Provider kriegen Probleme
2012-01-09 12:00 futurezone Finnland: Pirate Bay muss geblockt werden
2012-01-09 21:28 gulli Filesharing: Finnischer Internet-Provider muss „The Pirate Bay“ sperren
2012-01-11 13:00 futurezone Pirate Bay wird auch in Niederlanden geblockt
2012-01-11 17:56 gulli The Pirate Bay nun auch in den Niederlanden geblockt
2012-01-12 12:43 netzpolitik Piratebay wird in den Niederlanden geblockt
2012-02-21 09:00 futurezone Pirate Bay droht Sperre in Großbritannien
2012-03-25 12:20 futurezone Microsoft zensiert Links zu The Pirate Bay

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Datenschutzdepesche

Kommentar von Frank Guthausen

Es wird spannend am Rhein. Heute und nächsten Dienstag finden die Relegationsspiele von Fortuna Düsseldorf statt, und zwischendurch gibt es auch noch eine außerplanmäßige Umstrukturierung des Landtags, auch Neuwahl genannt. Zu diesem Thema hat sich der CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen im Klartext geäußert: Dabei unterstrich der Bundesumweltminister, dass er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen werden wolle und sagte wörtlich: “Bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber, sondern die Wähler entscheiden darüber.” Auch direkt als Video bei YouTube verfügbar. Man weiß ja seit Palpatine, dass die Steigerung von Kanzler dann Imperator ist – und damit wissen wir auch, was mit diesen religiösen Fanatikern auf uns zu kommt. Kirchen in jedem Dorf mit Zwangsbeschallung haben wir schon. Als Ausgleich gibt es wenigstens die Aktion BILD entschuldigt sich! Nach 60 Jahren auch höchste Zeit.

Das FBI dreht völlig ab und will jetzt eine Vorratsdatenspeicherung für Domains als Ermittlungsinstrument – die Idee hatte ich mal als Satire geäußert. Das scheinen aber die Leute, die mich abhören, nicht verstanden zu haben. Was die da so wissen wollen: alle Whois-Daten (auch derer, die auf das Whois zugreifen). Auch diese Absurdität ist steigerungsfähig: Die Forderung der Strafverfolger, auch Sicherheitscodes von Kreditkarten aufzubewahren, steht überdies klar im Widerspruch zum aktuell geltenden Payment Card Industry Data Security Standard (PCI Standard). Der verlangt, diese gerade nicht zu speichern.

Großbritannien braucht ebenfalls die Vorratsdatenspeicherung, sagt jedenfalls die Queen: “Meine Regierung plant Maßnahmen, um die Fähigkeit von Strafverfolgungs- und Geheimdienstbehörden aufrechtzuerhalten, auf entscheidende Kommunikationsdaten zurückzugreifen”

Ich sehe schon Daniel Craig zwei Stunden am Laptop, immer auf Achse mit mobilem Internet, wie er sich durch die Datenbanken wühlt, zu Beginn der Handlung frisch rasiert, Terroristen haben Google abgeschaltet, er hackt lange SQL-Statements in die Konsole, zwischendurch wird ein Martini serviert (“Geschüttelt oder gerührt?”“Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?”) und am Ende, der Bart ist inzwischen ordentlich gewachsen, kann der Spion ihrer Majestät dann den Namen des Bösewichts aus den Datenbanken rauspopeln – die Welt wird wieder einmal gerettet.

Vor einem Jahr hieß es aus Großbritannien noch Vorratsdatenspeicherung begrenzen. So schnell ändern sich die Dinge. In Österreich dagegen rollt die Verfassungsklage an, inzwischen mit Unterstützung der Ärztekammer. Parallel dazu wurde ACTA von unseren Nachbarn aus der Schweiz gestoppt. Die deutsche Vorratsdatenspeicherung dagegen ist noch lange nicht vom Tisch. Allerdings soll das Zwangsgeld an die EU erst mit dem Beschluss des EuGH fällig werden. Danke, wie großzügig. Wenn schnell ein neues Gesetz zur Datenspeicherung erlassen werde, das den Segen der Kommission erhalte, hielte sich der Strafbetrag im überschaubaren Rahmen.

Lest diesen Satz nochmals!

Wenn schnell ein neues Gesetz zur Datenspeicherung erlassen werde, das den Segen der Kommission erhalte, hielte sich der Strafbetrag im überschaubaren Rahmen.

Hier stellt sich ernsthaft die Frage, wer in diesem Land der Souverän ist. Kleiner Tipp für Leute, die in der Schule nicht aufgepasst haben: die EU-Kommission ist es nicht. Wie kommen die auf die abwegige Idee, dass die Beschlüsse meiner Vertreter den Segen der Kommission brauchen? Meine Vertreter sind in ihren Entscheidungen frei. Und wenn es nicht anders geht, dann werden wir notfalls mit der Achse Bonn-Köln-Düsseldorf, dem Ruhrgebiet und dem Niederrhein die autonome Region Rhein-Ruhr gründen und uns von der EU, von Deutschland und von Rest-NRW abspalten.

Aber kommen wir zurück auf das Selbstverständnis des Abgeordneten. Im Abgeordnetengesetz – in offizieller Sprachverquastung Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Mitglieder des Deutschen Bundestages, heißt es in § 44a Ausübung des Mandats:

(1) Die Ausübung des Mandats steht im Mittelpunkt der Tätigkeit eines Mitglieds des Bundestages. Unbeschadet dieser Verpflichtung bleiben Tätigkeiten beruflicher oder anderer Art neben dem Mandat grundsätzlich zulässig.

Übersetzt in eine bürgernahe Sprache bedeutet das: Abgeordneter ist man hauptberuflich. Alles andere ist nebenberuflich. Da wir in diesem Land an einem erheblichen Mangel an Gewaltenteilung leiden, vermischen sich Legislative und Exekutive, als hätte es die Aufklärung nie gegeben, und diverse Mitglieder der Bundesregierung sind gleichzeitig Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Das bedeutet dann wiederum, dass sie nebenberuflich das Land regieren. Wir haben eine nebenberufliche Bundeskanzlerin. Und weil das noch nicht reicht, wird von der zur Verfügung stehenden Zeit auch noch ein Teil abgeknappst, um CDU-Vorsitzende zu spielen. Eine wahrlich besch…eidene Aufgabenteilung angesichts der aktuellen Problemlage. Man braucht sich über die Ergebnisse nicht zu wundern.

Was passiert, wenn man Opfer einer BKA-Razzia wird, die der BGH für rechtswidrig befindet, nennt sich Absurdes Theater. Auch hier sind noch Steigerungen drin, wie das Land Berlin beweist. Ein paar Brandschutzprobleme beim Großflughafen verzögern das Projekt jetzt erheblich, fördern aber gleichzeitig kreative Ideen: Demnach wollte der Flughafenbetreiber die Brandschutztüren durch 700 befristet eingestellte Mitarbeiter von Hand bedienen lassen [...]. Aus welchem Paralleluniversum kommen die Verantwortlichen?

Ich rate dringend dazu, am kommenden Sonntag zur Landtagswahl zu gehen. Aber bitte Vorsicht: verwählt euch nicht!

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Niederlande: Netzneutralität kommt

Bahnbrechende Wende für Europa?

Nach dem Zusammenbruch der niederländischen Regierung neulich legen unsere Nachbarn mit der nächsten Überraschung nach: ein neues Telekommunikationsgesetz wird in Kürze die Netzneutralität gesetzlich festschreiben. Das berichtete die niederländische NGO Bits Of Freedom am gestrigen Abend. Ein Signal in diese Richtung gab es bereits im Juni 2011 im niederländischen Parlament als Reaktion auf die stark grenzwertige Deep Packet Inspection (DPI) durch die Provider KPN und Vodafone NL.

Damit wird einigen fragwürdigen Geschäftsmethoden ein Riegel vorgeschoben und ein Internetanschluss bleibt ein Internetanschluss und keine Ansammlung kostenpflichtiger Einzeldienste. Neben einem Diskriminierungsverbot werden auch Blockaden gegen z.B. The Pirate Bay erschwert. Auch dem Glauben an die Selbstregulierung der Märkte wird ein Dämpfer verpasst. Der Gesetzentwurf geht deutlich über das von der EU-Kommission favorisierte Modell des vorläufigen Vertrauens auf Marktmechanismen hinaus. Die französische NGO La Quadrature ist begeistert und fordert: This initiative must set the example for the rest of Europe and France. Dieser Forderung, eine entsprechende Regelung auch in anderen Ländern – insbesondere auch in Deutschland – und der EU einzuführen, schließen wir uns an. Sie ist längst überfällig.

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Britenblockade III

Britische Denkmodelle

Pornografie, Gewalt und überhaupt jugendgefährdende Inhalte sind immer ein Grund für Politiker, ein gefiltertes Internet zu fordern. Der Zugang dazu ist für Minderjährige zu einfach, befindet eine britische Jugendschutz-Kommission im Unterhaus. So hat es heise online Mitte April berichtet. Daher regen die Politiker an, die Internetprovider sollten generell einen “sauberen” Internetzugang bieten, der nach dem Opt-In-Prinzip erst auf Wunsch der erwachsenen Anschlussinhaber Pornos und andere jugendgefährdende Inhalte liefert. Wieviel Orwell doublethink ist notwendig, um sowas zu formulieren? Wenn mir als Anschlussinhaber ein Filter aufs Auge gedrückt wird, der für den Betrieb nicht notwendig ist und wo ich vorab nicht gefragt werde, weil er default ist, dann ist die Deaktivierung Opt-Out. Wenn die Briten sich ihr Internet blockieren wollen, sollen sie das bitte tun, aber dann doch wenigstens ohne Goebbels-Propaganda.

So richtig Spass bekommt man dann mit einer Statistik: Eine jüngere Studie aus dem Jahr 2011 habe einen Anteil von 11 Prozent aller britischen Minderjährigen erbracht, die bereits “sexuelle Inhalte” auf Websites gesichtet hätten, der Anteil unter den Jungen habe gar 25 Prozent betragen. Bei einer Jungen-Mädchen-Verteilung von 50:50 und minimalem Kontakt von Mädchen mit Pornographie von 0% (weniger geht nicht) bedeutet ein 25%-Kontakt bei Jungen einen Gesamtschnitt von 12,5% – das passt hier nicht zu den angegebenen 11%. Eine kleine Rechnung mit den vorliegenden Zahlen von 25% und 11% ergibt einen wesentlich höheren Mädchenanteil, der bei 0% Pornographiekontakt mit 50:40 nach unten abgeschätzt werden kann – rechnen sie das bitte mal nach. Bei einem realistischer angenommenen Kontaktanteil von nur 5% bei Mädchen (5x weniger als bei Jungen) ist die Grenze schon bei etwa 50:20 (49:21), das sind völlig illusorische Zahlen. Wo soll dieser Mädchenüberschuss bei Minderjährigen herkommen?
Diese Statistik ist mit hoher Wahrscheinlichkeit herbeifabuliert worden.

Mit solchen Argumenten werden dann Maßnahmen begründet wie diese: Die britische Regierung solle nun eine Konsultation starten, um die Möglichkeiten eines Filtersystems für alle Internetzugänge in Großbritannien zu erkunden. Und natürlich muss man mit Zwang nachhelfen: Allerdings empfehlen die Politiker auch ein Sanktionssystem für jene Provider zu errichten, die sich zu filtern weigern. Sieht so aus, als würde unser Theaterstück um den JMStV von 2010 nun bei den Briten aufgeführt. Wegen des überragenden Erfolges, selbstverständlich.

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Britenblockade II

Presse unerwünscht?

Eigentlich hatten wir vor, die derzeit fünf betroffenen britischen Provider anzuschreiben und um eine Stellungnahme zu bitten. Aber so einfach ist das nicht im Jahr 2012. Eine E-Mail-Adresse angeben, an die man sich wenden kann, wo kommen wir denn da hin? Mit ein wenig Klickphantasie findet man nur bei TalkTalk eine Adresse für derartige Anfragen – auf einer Webseite unter einer anderen Domain. Drei Provider (Everything Everywhere, O2, Sky) haben Telefonnummern oder Kontaktformulare, da kann man eine E-Mail per Web eintippen. Ein schöner Medienbruch. Den Vogel schießt aber der fünfte Provider Virgin Media ab. Die Seite ist teilweise gar nicht erreichbar, und dann braucht sie über 10 Minuten, bis sie unvollständig geladen wird. Dafür darf man dann dort lesen: Incredible speeds, unlimited downloads and more. See why Virgin broadband is different. Wir fassen das alles mal wohlwollend als britischen Humor auf. Das ist ähnlich witzig wie Flugzeugträger an der Themse, Luftabwehrraketen auf britischen Wohnhäusern und das gag order Prinzip.

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Britenblockade

Net Wars Episode V: The Community Strikes Back

Wir berichteten bereits neulich über die britische Blockade von The Pirate Bay. Entgegen der britischen Auffassung von Geographie und Recht wird diese Webseite in Schweden und damit innerhalb der Europäischen Union betrieben, nicht jedoch in einer gesetzeslosen Bananenrepublik am anderen Ende der Welt. Mal abgesehen von der sachlich falschen Einschätzung, diese Webseite nicht als Suchmaschine für Magnet-Links aufzufassen, hätte in jedem Fall der innereuropäische Rechtsweg offen gestanden. Dieser wurde natürlich nicht beschritten seitens der BPI, sondern es wurden britische Gerichte für politökonomische Partikularinteressen eingespannt und missbraucht – leider erfolgreich.

Da es bei der Angelegenheit mehr um den politischen Stellenwert der Bürgerrechte denn um pseudolegitime Anliegen von Unternehmen geht und hier auch noch eine Zensurinfrastruktur auf europäischem Boden legitimiert werden soll, ist es an der Zeit, die Phase der Sonntagspredigten zu verlassen und uns zu wehren.

Ab sofort sperren wir die Kunden der fünf verurteilten britischen Provider von unserer Webseite aus. Für diese Kunden sieht unsere Webseite dann ein wenig anders aus. Wir hoffen, dass sich viele Webseiten dieser Maßnahme anschließen, um den Leidensdruck auf die Briten derart zu erhöhen, dass sie ihrer Regierung ordentlich die Meinung geigen und dafür sorgen, dass die demokratisch legimierte Staatsgewalt vom Volke ausgeht und nicht von irgendwelchen Unternehmen mit schwarzen Überraschungskoffern.

Wir bieten für den Nachbau der Webblockade das Handwerkszeug zum Download an:
IP-Ranges Everything Everywhere
IP-Ranges O2
IP-Ranges Sky
IP-Ranges TalkTalk
IP-Ranges Virgin Media
Diese IP-Ranges verarbeitet man mit dem Shellskript britenblocker.sh. Dieses leitet alle Anfragen auf Port 80 um zu Anfragen auf Port 81. Im Webserver konfiguriert man sich für Port 81 einen VirtualHost, der die vorbereitete Seite ausliefert (mit einer kleinen RewriteRule, die alle Unterseiten auf die Hauptseite umschreibt). Natürlich kann man hier noch Dinge modifizieren, etwa alles auf dem Protestport 1789 laufen lassen.

Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen!

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OT – F95 wahrt Aufstiegschance

Liebe Freunde des Datenschutzraum e.V.,

heute ist ein denkwürdiger Tag. Daher erlauben wir uns eine völlig themenfremde off topic Durchsage. Fortuna Düsseldorf hat den dritten Tabellenplatz am letzten Spieltag verteidigt und spielt jetzt in der Relegation um den Aufstieg in die erste Fußballbundesliga. An einem Tag, an dem in Schleswig-Holstein, Frankreich und Griechenland richtungsweisende Wahlen stattfinden, darf so eine Meldung nicht im Rauschen untergehen. So gibt uns denn der Fußball etwas, was uns die Politik schon lange versagt hat: Hoffnung und Freude.

Danke Fortuna!

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Rechtsfreier Raum Hessen?

Am Freitag Nachmittag wurden in Frankfurt über fünfzehn geplante Demonstrationen verboten. Bei einem derart allgemeinen und pauschalen Verbot liegt die Frage nahe, ob den dortigen Behörden Artikel 8 des Grundgesetzes, Artikel 12 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union oder Artikel 11 der Europäischen Menschenrechtskonvention bekannt sind.

Nachtrag (2012-05-06 17:00): laut Bericht bei Spiegel Online geht es um eine unmittelbare Gefährdung beziehungsweise Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Außerdem hieß es: Die Blockade der Stadt während der Aktionstage überschreite bei weitem das, “was verhältnismäßig ist und den Menschen in Frankfurt am Main zugemutet werden kann”. Die Frankfurter Rundschau hat ein Interview mit dem Ordnungsdezernenten. Dieser weist auf geplante gewalttätige Ausschreitungen und ein entsprechendes Gewalttraining in Berlin und Italien hin. Dazu ein weiterer Artikel. Bei solchen Vorwürfen kann Thomas nur den Kopf schütteln. Der Occupy-Aktivist, der auch im Presseteam von Blockupy mitarbeitet, weist auf den friedlichen Charakter der Blockupy-Proteste hin. „Wir wollen friedliche Massenproteste und haben einen entsprechenden Aktionskonsens veröffentlicht“, sagt er. „Wir fordern alle, die sich an unseren Aktionen beteiligen wollen, auf, sich an diesen Konsens zu halten.“ Zu diesem Thema auch noch ein Kommentar.

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VPN gegen Vorratsdatenspeicherung und Zensur

Kommentar von Frank Guthausen

Der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) will selbst Ende April 2012 immer noch die Vorratsdatenspeicherung einführen und ein britisches Gericht hat fünf Provider dazu verpflichtet, die schwedische Bittorrent-Webseite The Pirate Bay zu blockieren, weil diese nach Auffassung des Gerichts für Urheberrechtsverletzung haftbar ist. Hier sehen wir einen Vorgeschmack auf ACTA (engl.).

Derartige Maßnahmen sind weder sinn- noch wirkungsvoll. In der Altersgruppe der 15-25jährigen ist der Anteil an VPN-Benutzern seit 2009 um 40% gestiegen. VPN ist die natürliche Reaktion (engl.) auf Gesetze, deren Hintergrund ein philosophisches Weltbild aus vergangenen Jahrtausenden ist. Gepaart mit technischem Unvermögen werden Entscheidungen getroffen, die offenkundig nicht legitimiert und auch nicht durchsetzbar sind. Selbst ohne VPN, was zu monatlichen Kosten von 5-10€ zu haben ist, kann man die Zensur mit einem Webproxy wie diesem umgehen.

Die Maßnahmen der Vorratsdatenspeicherung laufen völlig ins Leere, wenn man mit einer nicht vorratsgespeicherten IP aus dem Ausland im Internet unterwegs ist. Gleichzeitig forciert man noch, dass die Strafverfolgungsbehörden in Zukunft völlig in die Röhre gucken und selbst bei konkreten Straftaten keine Ermittlungsansätze mehr haben. Auch wirtschaftspolitisch ist es ein Desaster, wenn zukünftig beispielsweise 20.000.000 Haushalte mit VPN zu 10€ pro Monat über zwei Milliarden Euro jährlich nach Übersee pumpen. Wer besonders sicher sein will, kombiniert mehrere solcher VPNs kaskadierend zur IP-Verschleierung und bezahlt anonym. Da wünschen wir dann viel Spass mit kaskadierenden Rechtshilfeersuchen.

Es ist erstaunlich, mit welchem Maß an Unvernunft und Inkompetenz in den politischen Führungsetagen derzeit entschieden wird. Noch erstaunlicher ist es, wie Gerichte sich als Handlanger von wirtschaftlichen Partikularinteressen einspannen lassen und Urteile fällen, die bereits in ihren Vorraussetzungen sachlich falsch sind. Sonst müsste man nämlich auch Suchmaschinen wie Google zensieren.

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